Die Aschaffenburger Kultlocation Colos-Saal wird 40
AnkündigungenNews 27. September 2024 Lydia Dr. Polwin-Plass
Richtig, in letzter Zeit war aus dem Hause Colos-Saal gelegentlich zu vernehmen, dass es bald etwas zu feiern gäbe. Nur was? Und wie? Leute, es ist komplex. Heute wird ein wenig Verwirrung gestiftet!
Als Colos-Saal Boss Claus Berninger in einer Ausstellung im Aschaffenburger Stadt- und Stiftsarchiv
ein Exponat gesehen hat, hat ihn das ziemlich mitgenommen: Ein Foto mit dem (handgeschriebenen) Eröffnungsprogramm des Klimperkasten aus dem November des Jahres 1984, dessen Existenz er wohl irgendwie jahrelang verdrängt hatte. Aus den Augen, aus dem Sinn. Düstere Erinnerungen. Amnesie. Kein Wunder, der Start ging nämlich völlig daneben. Wer will sich daran schon freiwillig erinnern? Das komplette Eröffnungsprogramm des Novembers 1984 fand definitiv nicht statt. Totalausfall. Erst im Februar 1985 ging es los.
„All unseren Colos-Saal-Besuchern der Altersklasse 30 und jünger wird der Name „Klimperkasten“ nicht viel sagen, denn sie hatten gewissermaßen die Gnade der späten Geburt, zu deren Zeitpunkt es den Laden gar nicht mehr gab. Die Älteren könnten möglicherweise wissen, dass der Klimperkasten quasi der Urknall bzw. das Stammhaus des Colos-Saal war, im Nachbargebäude gelegen, das vor rund zwei Jahren abgerissen wurde. Wir bewahren seither einen Abbruchstein des Klimperkasten in einem Schrein als potentielle Reliquie für Rock’n`Roll-Pilger aus aller Welt auf„, so Berninger.
Zurück zum Totalausfall: Etwa eine Woche vor der geplanten Konzertpremiere unserer ersten Bühne kam es nämlich Ende Oktober 1984 zur obligatorischen, bauordungsrechtlichen Begehung inklusive Abnahme, die fatal ausging. Irgendwas mit der Lüftung passte wohl gar nicht. Für die beiden Gründer Günther (ausgeschieden aus der gemeinsamen Firma bereits im Jahr 2001) und Claus Berninger (immer noch dabei) hatte das fatale Folgen: Konzerte waren vorerst nicht erlaubt, das komplette Programm musste abgesagt werden, die bereits verteilten Flyer und Plakate durften am ganzen Untermain wieder eingesammelt werden und leider waren wegen der Konzertabsagen auch schon die ersten Konventionalstrafen an diverse Bands zu zahlen, obwohl noch kein Pfennig (den gab es damals noch) an Einnahmen vorhanden war. Schöne Blamage! Die Berningers fingen ihr Rock-Gewerbe mit einem Sack voller Schulden und dreimonatigem Konzertausfall an. Das muss man erst mal hinkriegen.
Über die schmerzhafte Blauäugigkeit unserer angehenden Konzertveranstalter in der Gründungsphase wird es in Kürze einen eigenen Bericht geben. „Wir beichten dann endlich unsere Sünden und Ahnungslosigkeiten, denn sie sind ja lange verjährt und im Nachhinein vielleicht recht lustig,“ verspricht Berninger.
„Es war völlig falsch, dass wir jüngst erst behauptet haben, wir hätten Ende 2024 unser 40-jähriges Bestehen zu zelebrieren. Nein, wir müssen noch warten bis Februar 2025. Aber was feiern wir denn da genau? Vielleicht „40 Jahre Konzerte im Klimperkasten und im Colos-Saal“? Nein Leute, das ist noch kein griffiger Titel. Das rockt nicht“, ergänzt er.
Für „POP AB“ wurde ein Podcast produziert, in dem die beiden Aschaffenburger Rock-Urgesteine Franz Ullrich und Hans Büttner, beide weit über 70 Jahre alt, gemeinsam mit Claus Berninger (dem Benjamin der Talkrunde im zarten Alter von erst 64 Jahren) über die Anfänge von Rock und Pop im kleinen Städtchen, unter anderem auch im Roßmarkt berichten. Franz und Hans hatten nämlich ihre ersten Bands bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet, somit zu einer Zeit, als Claus noch fleißig Blockflöte im Erlenbacher Kindergarten zu üben hatte. Wer sich den Podcast der drei Rock-Dinos anhören will, die aus erster Hand die Urgeschichte der Popmusik in Aschaffenburg und den zwangsläufig damit verbundenen Clash der Kulturen ab Ende der 60er Jahre bezeugen können, findet ihn hier: https://aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de/episode-26-pop-musik/
Falsch wäre es ebenso, „40 Jahre Colos-Saal“ zu verkünden. Den gibt es nämlich erst seit 11.11.1992 ab 11:11 Uhr und eröffnet wurde er mit der ersten und letzten Büttenrede, die Claus jemals hielt. Nutzte er doch die Gelegenheit, bei der ausverkauften Elferratssitzung des Karneval Klub Kakadu kräftig für die neue Bühne zu werben – möglicherweise allerdings vor dem falschen Publikum. Das war noch ein Termin, der vom Vorbesitzer im ehemaligen Nebenraum der Brauereigaststätte Gambrinus (so hieß der Colos-Saal bis 1992) per Vertrag ausgemacht war und von uns übernommen wurde nach dem Motto: „Wir können notfalls auch Fasching“. Zugegeben: man war noch jung und brauchte das Geld.
Wie wäre es dann mit „40 Jahre Berninger Musik & Gastronomie GmbH“? Geht auch nicht. Die GmbH-Gründung von Günter und Claus folgte erst im Jahr 1986. Die ersten anderthalb Jahre war Günther als Geschäftsführer einer anderen Firma für den Klimperkasten angestellt und Claus war sein Hiwi und Programmmacher. Erst danach gelang es den Brüdern, den Laden direkt anzupachten und sich tatsächlich selbstständig zu machen.
Das Jubiläum stellt den Colos-Saal vor bislang ungeahnte, terminliche Probleme. Man möchte ja bei der historischen Wahrheit bleiben und die lautet: Irgendwas mit 40 läuft gerade. Darüberhinaus stellen sich organisatorische Sinnfragen. Sollen wir denn eine große Party für unsere Besucherinnen und Besucher geben? Das könnte schwierig werden bei tausenden von Stammgästen des Colos-Saal.s Wohin mit den vielen Leuten?
Was folgt daraus? Keine große Party für Besucher, sondern eine kleine und zwar teamintern. Das Fazit des Colos-Saal-Chefs: „In zehn Jahren denken wir nochmal nach, wie wir die „runde 50“ begehen sollen, wenn es denn so weit kommen wird. Einstweilen versuchen wir, Euch in unseren nächsten Veröffentlichungen über die vier Jahrzehnte unserer Clubgeschichte(n) zu informieren und hoffentlich auch zu amüsieren. Es gibt da noch einige Stories, die erzählt werden müssen, selbst auf die Gefahr hin, dass wir uns selbst auf die Schippe nehmen werden.Eins ist klar: Nicht nur die Bands und Künstler machen den langjährigen Erfolg unserer Musikbühne aus, sondern vor allem Ihr zahlreichen, musikverrückten Besucher, die Ihr immer wieder in den Colos-Saal kommt, um bei uns emotionale Erlebnisse und reichlich gute Musik zu finden – seit bald vier Jahrzehnten. Dafür unser allerherzlichsten Dank an Euch alle.“
Quelle: Colos-Saal





