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Interview mit WITHIN TEMPTATION Sängerin SHARON DEN ADEL 2020 – Teil 2 Interview mit WITHIN TEMPTATION Sängerin SHARON DEN ADEL 2020 – Teil 2
Auch in diesem Jahr haben wir mit Within Temptation Sängerin und Frontfrau Sharon den Adel ein sehr interessantes Gespräch geführt. Sharon philosophierte im vorliegenden... Interview mit WITHIN TEMPTATION Sängerin SHARON DEN ADEL 2020 – Teil 2

Auch in diesem Jahr haben wir mit Within Temptation Sängerin und Frontfrau Sharon den Adel ein sehr interessantes Gespräch geführt. Sharon philosophierte im vorliegenden zweiten Teil des Interviews unter anderem über den aktuellen Stand der Welt, sprach über die Zukunfts- und Tourpläne der Band, davon was sozialkritische Texte bewirken können und erzählte uns, wie sie sich während der Corona-Pandemie fit hält.

Wir möchten dir jetzt ein paar Worte geben und du sagst uns bitte, was dir als Erstes dazu einfällt.

Sharon: Ok, gerne.

Familie

Sharon: Die Familie ist der Kern von allem. Sie gibt dir den Rückhalt. Deine Eltern geben dir eine Orientierungshilfe. Sie geben dir das Gefühl dazuzugehören und respektiert und geliebt zu werden. Und sie halten dir den Spiegel vor. Sie sagen dir, dass sie dich lieben, aber auch, dass es Punkte gibt, an denen man noch arbeiten muss. Es geht nicht ums Verhätscheln. Es geht darum, in den guten und in den schlechten Zeiten da zu sein.

Toleranz

Sharon: Toleranz ist der Beginn von allem. Von allen Dingen im Leben. Ohne Toleranz gäbe es keine Demokratie und keine positive Einstellung. Das ist unglaublich wichtig.

Hilfsbereitschaft

Sharon: Das ist notwendig. Wir alle brauchen irgendwann Hilfe. Einige Menschen brauchen etwas mehr Hilfe. Wir müssen uns gegenseitig helfen. Wir brauchen uns auch gegenseitig. Hilfsbereitschaft ist auch ein Ausdruck von Toleranz, einer sozialen Einstellung und Menschenliebe. Hilfsbereitschaft ist sehr wichtig. Genauso wichtig ist Unabhängigkeit. Hilfsbereitschaft kann auch bedeuten, jemanden unabhängig zu machen, dass er für sich selber sorgen kann und sein Leben selber im Griff hat, wenn man ihm die richtige Hilfestellung gibt.

Zusammengehörigkeit

Sharon: Die ist auch wichtig. So ähnlich wie Live-Musik. Das betrifft Familie und Freunde, aber auch zusammen auf Konzerte oder andere Events zu gehen. Die gemeinsame Verbundenheit ist wichtig.

Soziale Verpflichtungen

Sharon: Das ist wichtig, aber gar nicht so einfach. Wir alle leben in unserer eigenen Welt. Freunde und Familie sind manchmal genauso im Hamsterrad gefangen wie wir selbst. Das Leben ist sehr hektisch und sehr kurzfristig gedacht. Das wird dann zum Problem, wenn du deinen eigenen sozialen Verpflichtungen oder Versprechungen nicht mehr nachkommen kannst. Das ist einfach schwierig.

Hoffnung

Sharon: Ohne Hoffnung gibt es kein Licht (am Ende des Tunnels). Hoffnung ist das Wichtigste, an dem man sich festhalten kann. In jeder Situation. Wenn du keine Hoffnung hast, kommst du auch im Leben nicht weiter.

Inspiration

Sharon: Inspiration kann durch alles und jeden kommen. Unter einem Stein. Oder hinter den Cornflakes, wie Tori Amos mal sagte: „I found this song behind the cornflakes.“ („Cornflake Girl“). Inspiration kann einfach alles sein. Das war einfach eine tolle Idee, die sie (Tori Amos) da hatte. Sie war schon immer jemand, der in Metaphern sprach und ich habe davon sehr viel gelernt.

Man kann Inspirationen ganz unterschiedlich übersetzen. In Metaphern oder sehr direkt. Direktheit kann dabei sehr ehrlich und pur rüberkommen. Metaphern können dagegen viel poetischer sein.

Vorbild (Role Model)

Sharon: Für denjenigen, der ein Vorbild sein muss, ist es ein Segen und ein Fluch zugleich. Es ist ein Kompliment und eine Last. Wenn du ein Vorbild sein musst, sehen die Leute dich als 100% perfekt an. Das ist nicht gerade Rock´n´Roll. Auch wenn du alles versuchst, um so zu sein, hast du immer deine Fehler und Macken. Kein Vorbild ist perfekt. Das macht auch keinen Spaß und ist ganz schön anstrengend. Das ist wie bei der perfekten Schwiegertochter oder dem perfekten Schwiegersohn.

Wie siehst du den Stand der Welt derzeit?

Sharon: Die Pandemie ist natürlich immer noch ein großes Problem für uns alle. Nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich. Die Leute verlieren ihre Jobs oder können zum Beispiel nicht auftreten oder überhaupt arbeiten. Aber neben der Dunkelheit gibt es auch immer Licht.

Ich hoffe, dass wir auch viel daraus lernen. Weil die Welt auf einmal zum Stillstand gekommen ist, haben die Leute vielleicht auch endlich Zeit, mal über bestimmte Dinge nachzudenken. Zum Beispiel die Umweltprobleme. Oder, dass jeder in seinem Hamsterrad und seinem hektischen Leben gefangen war.

Wir wollen ja so viel tun wie möglich, weil wir erfolgreich sein wollen. Das ist ja auch irgendwie logisch. Aber manchmal vergessen wir einfach, was wirklich wichtig ist im Leben. Wir sollten nicht nur im Hier und Jetzt leben, sondern auch an die Zukunft denken und welche Welt wir unseren Kindern und Enkelkindern hinterlassen wollen.

Und uns sollte klar sein, dass es eine kleine Welt ist („It´s a small world after all.“) und alles miteinander verbunden ist. Wenn in Amerika ein Präsident eine Entscheidung fällt, betrifft das auch viele andere Länder.

Wir sind alle miteinander verbunden. Zunächst wirtschaftlich, aber das hat natürlich auch einen Einfluss auf das Privatleben von jedem. Das kann aber auch frustrierend sein. Bei der Politik habe ich das Gefühl, dass dies ein großer Spielplatz ist, auf dem die Rüpel und Tyrannen viel zu viel Macht haben. Solche Leute haben keine Empathie für das Große und Ganze.

Aber viele Menschen beginnen das zu erkennen. Und die beiden Gruppen stehen sich jetzt unversöhnlich gegenüber. Die Rüpel, die nur an sich denken, und die anderen, die das Große und Ganze im Blick haben.

So sehe ich den Stand der Welt zurzeit. Aber das ist eine Schwarz-Weiß-Darstellung. Ich könnte über dieses Thema ansonsten den ganzen Tag reden. Aber das lasse ich an dieser Stelle aus Zeitgründen lieber (lacht).

Was sind eure Pläne für die nächsten Monate? Ist die EVANESCENCE-Tour immer noch geplant?

Sharon: Ja, die ist immer noch für September nächsten Jahres geplant. Heute wurden ja die Impfungen in Großbritannien gestartet. Also hoffe ich, dass wir bis September einen Weg gefunden, dass wir die Tour endlich machen können. Ich hoffe, dass es auch für die Festivals eine Lösung geben wird. Dass sie vielleicht die Leute bitten, sich vorher impfen zu lassen.

Es wird ein sehr spannendes Jahr, besonders bezüglich der Lösungen, die sich die Festivals überlegen, damit es wieder losgehen kann. Unter welchen Bedingungen werden die Festivals stattfinden können? Oder eben auch nicht? Das wird noch spannend. Ich denke aber, dass sich jeder wünscht, wieder zur Normalität zurückzufinden und dass alle wieder zusammenkommen.

Wer ist dein größtes Vorbild?

Sharon: Ich habe eigentlich kein richtiges Idol mehr. Irgendwann bin ich da rausgewachsen. Aber als ich jünger war, hatte ich meine Idole. Zum Beispiel Janis Joplin oder Kurt Cobain. Besonders deren Perfomance war wichtig für mich. Oder auch Tori Amos. Mich hat beeindruckt, dass sie so leidenschaftlich und ausdrucksstark waren.

Zu mir haben Freunde immer gesagt, dass ich sehr emotional sei. Das stimmt auch, aber es wurde nicht immer als etwas Positives angesehen. Nicht, dass ich eine Heulsuse wäre, aber ich kann mich gut in die Gefühle anderer hineinversetzen und deren Höhen und Tiefs nachfühlen.

Als ich diese Performances sah, konnte ich deren Gefühle miterleben. Sie waren so leidenschaftlich und emotional und hatten keine Angst das zu zeigen. Sie sind so sehr aus sich herausgegangen, dass ich eine emotionale Verbundenheit fühlte. Ich liebe sie dafür, dass sie nicht nur so leidenschaftlich mit ihrer Musik waren, sondern, dass sie sich nicht gekümmert haben, was andere sagten. Sie haben sich einfach freien Lauf gelassen. Ich bewundere ihren Mut und ich liebe ihre Leidenschaft zur Musik. Das ist wirklich was Besonderes.

Vermisst du es selber live zu spielen?

Sharon: Sehr sogar. Das ist ein Weg, sich selber auszudrücken. So, wie ein Maler malen muss, um sich auszudrücken. Live zu spielen ist eine Ausdrucksform. Leider geht das zurzeit nicht, aber glücklicherweise können wir ja noch Musik schreiben.

Wie hältst du dich derzeit fit? Physisch und stimmlich?

Sharon: Ich habe noch nie so viel trainiert wie in den letzten Monaten. Ich habe für mich und Robert (Westerholt) einen Konditionstrainer engagiert, wobei Robert schon mal mit ihm gearbeitet hatte. Er hatte gefragt, warum ich nicht auch mal vorbeikomme. Ich dachte zunächst, dass mich das fertig machen würde und dass ich zu hart arbeiten müsste. Aber ich habe mich dann doch dazu durchgerungen und es hat mir richtig Spaß gemacht. Ich mache es jetzt zweimal pro Woche. Es bringt mir aber nicht nur physisch etwas, sondern man fühlt sich auch einfach besser danach.

Bezüglich meiner Stimme habe ich eigentlich gar nicht aufgehört zu singen. So halte ich meine Stimmbänder am besten in Form. Ansonsten ist das Beste viel draußen zu sein. Es hilft dir, dich zu fokussieren. Zum Beispiel, wenn du Songs schreibst. Auch das Konditionstraining hilft dir, weil du auf etwas Bestimmtes hinarbeiten kannst. Ich möchte schneller werden, damit ich von einem Rand der Bühne zum anderen sprinten kann, ohne außer Atem zu geraten. Wie bekomme ich das hin? Dafür sind die Übungen gut.

Denkst du, dass sozialkritische Texte etwas bewirken können?

Sharon: Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass alle Fans auf die Texte achten. Aber ein Video dazu zu drehen und in Interviews darüber zu reden, hilft schon mal. Aber wie bei jedem Künstler, wie einem Bildhauer, einem Maler oder einem Musiker, wirst du von deiner Umwelt inspiriert. Und die Gesellschaft heutzutage ist eine Inspiration für viele Künstler. Wir werden manchmal dafür kritisiert und Leute sagen, wir sollen einfach nur singen. Aber das würde uns auf ein Nichts reduzieren.

Ich denke, dass es für Musiker wichtig ist, ihre Gedanken und Ideen auszudrücken. Solange sie nicht versuchen dir deine eigenen Gedanken vorzuschreiben. Solange sie den Diskurs suchen und die Offenheit der Fans schätzen.

Mit „Resist“ und unserem Video „Entertain you“ wollten wir auf eine soziale Problematik hinweisen. Wir wollen aber nicht anderen vorschreiben, wie sie zu denken haben, sondern zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.

Die Leute sollen sich des Problems bewusst werden. Aber das bringt dir auch viel Kritik ein. Wir wollen sehr offen sein und auch über soziale Unterschiede sprechen, wie zum Beispiel die Homosexuellen-Szene. Eine Fahne zu schwenken und nicht über das Thema zu reden, wäre da sehr seltsam. Wenn ich auf der Bühne stehe und jemand reicht mir eine Regenbogen-Fahne, dann möchte ich damit meine homosexuellen Freunde und die Person, die im Publikum ist, damit unterstützen. Ich finde es dann seltsam, wenn mir andere Leute sagen, dass ich zu diesem Thema keine Meinung haben sollte. Oder dass Leute schreiben, dass sie unsere Website „disliken“, weil wir diese Einstellung haben.

Aber das gehört zu mir als Gesamtpaket. Das ist, was ich eben bin, inklusive meiner Gedanken und meiner Einstellung. Daher ist es wichtig, dass die Leute offen sind und letztendlich meine Entscheidung respektieren. Dass ich darüber reden kann, so wie jeder andere, ist mein Grundrecht, so wie es für jeden gilt.

Glaubst du, dass die Metalsongs früher – z.B. in den 80ern – politischer waren und heute mehr in Richtung Party und Business gehen?

Sharon: Ich glaube, dass das eine Zeit lang tatsächlich so war. Aber seit einiger Zeit ändert sich das wieder. Ich glaube, die Leute erkennen, wie wichtig die Message ist. Auf der anderen Seite sind sie vielleicht auch ein bisschen ängstlich. In den 80ern hattest du viele politische Pop- und Rock-Bands, wie U2 zum Beispiel. Aber irgendwann gab es da einen Overkill. Immer nur über Probleme zu reden, wurde den Leuten irgendwann zu viel. Wenn du über Gesellschaftskritisches schreibst, sollte es nicht immer nur dasselbe Thema sein. Es ist besser, manchmal ein bestimmtes Thema herauszugreifen und das richtig rüber zu bringen. Wenn du immer nur über Politik oder soziale Probleme sprichst, langweilt das die Leute irgendwann. Das wäre natürlich sehr schade, weil man ja einen bestimmten Zweck damit verfolgt. Aber das funktioniert halt nicht immer. Es kommt auf die Kombination an. Mal schreibst du über etwas Persönliches und als nächstes sprichst du ein gesellschaftliches Problem an.

Was ist deine wichtigste Botschaft an unsere Leser?

Sharon: Ich hoffe, dass jeder gesund bleibt und zu unseren Shows kommt und unsere Musik genießt, wenn wir irgendwann mal wieder spielen dürfen. Und wenn ich etwas aus der Pandemie gelernt habe, ist es, dass man immer mit irgendwas beschäftigt sein muss und weiter positiv denken muss.

Ich wünsche jedem, dass er /sie etwas hat, mit dem er /sie sich den ganzen Tag beschäftigen kann, wenn es schon keine Live-Shows sind. Sport, am Haus arbeiten, Videos schauen, gute Musik hören. Man kann auch gute Musik beim Sporttreiben hören (lacht). So kann man Musik hören und gleichzeitig seinem Körper was Gutes tun (lacht).

Jeder sollte etwas finden, um sich zu beschäftigen und geistig fit zu bleiben. Das ist mein Rezept für die nächsten Tage und Wochen: Ich mache Sachen, an denen ich Spaß habe und arbeite an Sachen, die ich mag. Das sind vor allem Musik und Sport. Wichtig ist es trotz allem einen Tagesrhythmus zu finden.

25:16 (Video)

Vielen Dank für das nette Interview.

Hier findet ihr auf Metalogy den 1. Teil des zweiteiligen Interviews.

https://metalogy.de/interview-mit-within-temptation-frontfrau-sharon-den-adel-2020-teil-1/

 

Lydia Dr. Polwin-Plass

Promovierte Journalistin und Texterin, spezialisiert auf die Themen Kultur, Wirtschaft, Marketing, Vertrieb, Bildung, Karriere, Arbeitsmarkt, Naturheilkunde und Alternativmedizin. Mehr über Dr. Lydia Polwin-Plass auf ihrer Website: http://www.text-und-journalismus.de