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Interview mit Wacken- und Szene-Maler JENS RUSCH – Teil 1 Interview mit Wacken- und Szene-Maler JENS RUSCH – Teil 1
Michael und Lydia von Metalogy haben für ihr Buch ein ausführliches Interview mit JENS RUSCH, dem renommierten Wacken- und Szene-Maler und Initiator von "Lautstark... Interview mit Wacken- und Szene-Maler JENS RUSCH – Teil 1

Michael und Lydia von Metalogy haben für ihr Buch ein ausführliches Interview mit JENS RUSCH, dem renommierten Wacken- und Szene-Maler und Initiator von “Lautstark gegen Krebs” geführt. Hier der erste von 4 Teilen, in dem Jens von seiner eigenen Krebserkrankung spricht, von der Gründung des gemeinnützigen Vereins, den besonderen Herausforderungen, seinen Herzensprojekten und vielem mehr. Hier der erste von 3 Teilen. 

Hey Jens, vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst für unser Interview. Kannst du uns ein bisschen etwas über dich und dein Projekt „Lautstark gegen Krebs“ erzählen?

Jens: Aus meiner eigenen Krebserkrankung resultiert das Verständnis für andere Krebs Betroffene. Und ich habe auch die Mankobereiche in unserem Gesundheitssystem deutlich am eigenen Leib zu spüren bekommen. Das soll keine Kritik sein, aber ich hab‘ deutlich gesehen, wo Ärzte an ihre Grenzen kommen. Daraus ist unsere eigene Initiative erwachsen. Begonnen haben wir mit dem grünen Bändchen unter dem Motto „Stark gegen Krebs“. Daraus wurde dann später „Lautstark gegen Krebs“….

… Wir haben ja die Wattolümpiade organisiert und wollten mit diesem Geld sinnvolle Dinge tun. Und ich habe sehr schnell festgestellt, dass es bei uns in den Kliniken an der Westküste keine Palliativstation gibt. Austherapierte Menschen, die in Würde und schmerzfrei sterben wollten, hatten keine Unterstützung. Sie wurden absolut alleingelassen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch den so genannten Sterbetourismus in die Schweiz, und England. Unser Gesundheitswesen hat Sterbehilfe nicht vorgesehen, und ein Arzt macht sich kriminell, wenn er Sterbehilfe gibt. So suchte man nach einer Entsprechung dafür und fand sie in der Palliativ Medizin….

Einmal jährlich habe ich auch die Krebs-Informationstage organisiert….

…..Bald haben wir aber gemerkt, dass wir an unsere Grenzen stoßen und Unterstützung brauchen. Mit Holger Hübner war ich schon lange befreundet und wir haben auch eine familiäre Verbindung. Seine Frau war eine Nachbarin von meiner Frau. Holger hat dann gesagt, dass er und Thomas sich sowieso karitativ engagieren. Und wir hatten mit unserem Projekt ja bereits Vorarbeit geleistet. Und sie meinten, wir sollten einfach sagen, was wir brauchen, sie würden uns helfen. Das ist sicher schon mindestens zehn Jahre her.

Ab diesem Zeitpunkt wurde unser Projekt immer professioneller. Wir haben dann zusätzlich zur Wattolümpiade auch noch andere Charity Veranstaltungen organisiert. Charity Konzerte. Unter dem Namen „Wattstock“ (Lacht).

Inzwischen gibt es schon jede Menge Palliativstationen, auch eine in Itzehoe. In Brunsbüttel haben sie sogar an die Klinik angebaut, extra für die Palliativstation.

Seid Ihr immer noch ein gemeinnütziger Verein? 

Jens: Ja, das haben wir erstritten. Die Episode war bemerkenswert. Wir wurden zum Finanzamt zitiert und der Landtagspräsident, ein Freund von mir, hat uns begleitet. Es kommt ja nicht allzu häufig vor, dass Metal Freaks am Finanzamt antanzen und den Landtagspräsidenten mitbringen. Aber wir konnten die überhaupt nicht damit beeindrucken. (Lacht) Man hat uns mindestens 2 Stunden in einem regelrechten Verhör zerpflückt. Dabei fühlt man sich wie ein Kleinkrimineller.

Lange Rede, kurzer Sinn: der Finanzbeamte hatte letztlich doch noch etwas Resthumor und sagte, dass er uns für ein Festival am Wochenende die Gemeinnützigkeit nicht nehmen möchte, wenn wir es schaffen die Aktivitäten vernünftig übers Jahr zu verteilen. Und es müsste sozusagen „im Dienste der Volksgesundheit“ passieren. Ihr seid noch zu jung, ihr könnt euch daran nicht erinnern, aber genau das stand früher auf den Präservativ – Automaten. „Im Dienste der Volksgesundheit“ (lacht).

So haben wir dann unsere Aktivitäten auf das ganze Jahr verteilt. Das war die Geburtsstunde der Krebs-Informationstage. So war eigentlich das Finanzamt der Geburtshelfer für die Krebs Informationstage. (lacht)

Seitdem gehen die eigentlich sehr moderat mit unserer Organisation um. Klar, wir müssen Steuern bezahlen und haben auch einen Steuerberater, aber man geht sehr wohlwollend und moderat mit uns um. Glaube, jetzt haben und sie verstanden, weshalb wir das machen.

Beinah wäre aber auch unser Projekt am Finanzamt gescheitert, obwohl wir jeden Cent, den wir eingenommen haben, für gemeinnützige Zwecke verwendet und an karitative Vereinigungen weitergegeben haben.

Und die Metalheads hatten drei Euro Eintritt gezahlt, es hat ja niemand dieses Geld geklaut, sondern redlich verdient.

Wo siehst du heute die größten Herausforderungen?

Jens: Diese Projekte sind ja nie zu Ende, die laufen ja weiter. Ein Projekt musste ich aber gerade aufgeben und zwar wollte ich ein reines Sterbezimmer einrichten. Ein so genanntes Palliativ-Hospiz, mit der Verabreichung adäquater Medikamente. Auch die sofortige Verfügbarkeit von THC wäre dabei enorm wichtig, ohne Anträge zu stellen und andere Hürden überwinden zu müssen. Die Klinik hat einen Giftschrank, und da darf THC auf keinen Fall fehlen.

Leider konnte ich mich bisher mit diesem Plan nicht durchsetzen. Das kollidiert mit allen möglichen Regularien in den Kliniken. Leider sind wir hier noch lange nicht soweit, wie ich es gerne hätte, aber ich bleibe dran.

Ich habe zwei Gemälde gemacht, von denen wir einen Druck gemacht haben und sie von Sabaton und Cemican signieren ließen.

Natürlich wirkt hier auch das Wacken Team mit, da das ansonsten verpuffen würde. Dazu ist die Zielgruppe dann doch wieder zu klein. Aber das W:O:A hat ein riesiges Netzwerk.

Man kann sich gar nicht vorstellen wie schlimm die Regularien und Hürden für Verlosungen sind. Wir mussten die Aktion vom Innenministerium absegnen lassen. Die wiederum haben uns an das örtliche Ordnungsamt verwiesen. Die Bürokratie und die Regeln sind unfassbar. Das sind etliche Seiten, die man da durchackern muss. Bis 40.000 € darf man dabei einnehmen, und der Wert, den man anbietet, muss dem entsprechen. Das ist natürlich bei einem Kunstobjekt schwierig zu beurteilen. Denn wenn der Künstler sagt, ein Bild ist 40.000 € wert, dann ist es 40.000 € wert. Wir haben die Genehmigung gerade vor einer Woche bekommen. Das Geld, dass bei der Verlosung hereinkommt, soll wieder für „Lautstark gegen Krebs“ eingesetzt werden.

Was wäre denn das nächste große Projekt für „Stark gegen Krebs“ und „Lautstark gegen Krebs“?

Jens: Für unsere eigenen Festivals: das „Wattstock“ und die „Wattolümpiade“, schwimmen uns zurzeit die Felle weg. Die kann man wegen Corona leider nicht in Angriff nehmen, und wir sind doch eher pessimistisch, dass das in diesem Jahr noch klappen könnte. Und danach wahrscheinlich erst mal auch nicht, denn auch Musiker haben Familien, die sie ernähren müssen. Und wenn sie zwei Jahre diese Möglichkeit nicht hatten, um Geld zu verdienen, dann steht Ihnen nach Corona sicher nicht der Sinn danach, Benefizkonzerte zu geben und an Charity Festivals teilzunehmen. Die müssen erst mal versuchen ihre eigenen Sachen wieder in Ordnung zu bringen. Deshalb bin ich zurzeit eher im Leerlaufmodus. Denn immer, wenn wir solche Festivals in Angriff nehmen, signalisieren wir auch den Verwendungszweck. Natürlich ist der Bedarf weiterhin da. Bei uns in der Region wird beispielsweise ein stationäres Hospiz angestrebt. Es gibt hier nämlich einen Hospizverein, der ambulant tätig ist. Die MitarbeiterInnen betreuen austherapierte Krebs-Patienten. Und dieser Verein hat kein eigenes Haus mit eigener Palliativstation. Das wäre ein großes Projekt, das ich gerne unterstützen würde. Aber aus genannten Gründen, wäre es zu optimistisch das jetzt konkret angehen zu wollen.

Aber Krebs hört leider nie auf, und deswegen hören auch unsere Aktionen nie auf.

Gab es ein Projekt, das euch besonders am Herzen lag?

Jens: Ja, die Palliativstation. Das ist aber auf meine eigene Problematik zurückzuführen. Wenn man Krebs hatte, dann hat man auch posttraumatische Belastungen. Die Angst bleibt ein ständiger Begleiter. Jede Nachuntersuchung ist mit großer Angst verbunden. Jede kleinste Auffälligkeit, wie Lymphknotenschwellungen, lösen sofort große Angst aus. Bei mir war Gott sei Dank 14 Jahre nichts. Ich bin ein so genannter Longtime Survivor. Deshalb bin ich auch für viele Krebs-Betroffene ein Leitbild.

Man macht das instinktiv: als ich damals meine Diagnose bekam, habe ich sofort recherchiert, wer das alles überlebt hat und was die gemacht haben, um gesund zu werden. Das liegt in unseren Genen – es liegt so viel in unseren Genen.

Als meine Frau in der Reha war, weil sie sich die Kniescheibe zerdeppert hat, sagte sie zu mir: „bevor du jetzt dumm rum sitzt kannst du eigentlich auch ein Bild malen“ (lacht). Und da entstand das Bild mit den crowdsurfenden Rollifahrern. Daran habe ich dann dreieinhalb Monate gearbeitet. Ich habe auch einige von diesen Rollstuhlfahrern kennen gelernt und mich immer gefragt wie sich diese Rollstuhlfahrer wohl dabei fühlen.

Ich selbst habe ein Hochrad, ein schönes altes riesiges Hochrad. Und damit fahre ich gerne auf dem Deich spazieren. Das fühlt sich an wie “Fliegen für Arme”. Da schaut man links und rechts 12 m runter. Also hinfallen darf man dabei auf keinen Fall. Und so ungefähr muss sich das für die Rollifahrer anfühlen. Deshalb habe ich Ihnen als Metapher auf meinem Bild Adlerflügel gemalt. Ich arbeite ja sehr gerne mit Metaphern und Symboliken, die Betrachter meiner Bilder auf Anhieb verstehen, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Und diese Flügel, habe ich aus Händen gebildet, denn auf Händen werden sie ja tatsächlich getragen. Dabei habe ich auch die Probleme erkannt, wenn zum Beispiel die Räder nicht richtig arretiert sind, dann rutschen sie den Leuten weg und damit ist die Fallgefahr stark erhöht. Ist natürlich sehr gefährlich. Manche haben auch seitliche Ausgänge und dann fallen die Urinbeutel runter, und dann schrecken sich die Leute und lassen los. In dieser Aktion ist natürlich viel Dramatik. Man muss also mit sehr viel Sachverstand daran gehen.

Ich fotografiere jeden Abend, den Stand und die Arbeitsphase meiner Malereien auf der Staffelei und veröffentliche die Bilder auf Facebook. Denn ich möchte gerne unter Beweis stellen, wie akribisch ich arbeite, denn eigentlich spricht mich auf jeder Ausstellung zumindest eine Person an, ob ich das alles auf Photoshop gemacht hätte. Das ist so die Vorstellung von manchen jungen Leuten, dass man alles auf Knopfdruck digital macht. Ich bin aber old school und male meine Bilder wirklich mit der Hand – Pinsel und Bleistift und sitze Monate lang an einem Bild. Das musst du heute unter Beweis stellen, sonst glaubt dir das keiner.

Wie waren deine ersten Eindrücke von Wacken?

Jens: Anfangs bin ich, obwohl ich 20 km von Wacken entfernt wohne, gar nicht auf das Festival gegangen, da ich dachte es wäre nicht meine Musik. Heute habe ich fast ein schlechtes Gewissen, denn es sind sehr viele Bands dabei, die auch meinem Geschmack entsprechen. Zum Beispiel habe ich Sabaton sehr zu schätzen gelernt, und auch Riverside, die mag ich unheimlich gerne und viele andere.

Die Szene wird inzwischen gefährlich alt. Ich gehöre natürlich auch zu denen, die es begrüßen, dass das Programm gut gemischt ist. Man wird in Wacken sehr subtil zu Metal Gruppen hingeführt. Man lernt auch viele tolle neue Bands kennen, die man eventuell sonst übersehen hätte. Für mich sind die Türöffner aber Bands wie Deep Purple oder Alice Cooper. Wenn ich solche Bands in Wacken sehe, bin ich glücklich. Ja auch Apocalyptica. Diese Band haben mich mit Wacken versöhnt. Apocalyptica musste ich auch gleich malen.

Ich habe Gott sei Dank das Privileg, mich im Artist Village bewegen zu dürfen, und da lernt man natürlich auch die Leute kennen. Da kann ich die Leute auch gleich direkt um Erlaubnis fragen, ob ich sie abbilden darf. Apocalyptica sind sehr nette allürenfreie Musiker. Und da gibt sehr viele andere auch, die so sind. Die bekommen dann auch immer gleich unser grünes Bändchen. Denn wenn die großen Stars es tragen, dann orientieren sich auch viele andere daran. Dann wollen es auch die anderen haben, und wir bitten um fünf Euro Spende für die Bändchen, die dann wieder an die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft gehen.

Für Sea Shepherd haben wir auch eine Ausstellung gemacht. Die sind auch bei der Wattolümpiade immer dabei. Das sind meine Helden.

Welches deiner Bilder bedeutet dir am meisten?

Jens: Das mit den Rollstuhlfahrern. Man sagt ja immer: die Mutter liebt ihr letztes Kind am meisten. Und das war eines meiner letzten Bilder. Das ist ein riesiges Bild – viel größer als die anderen.

Günni rief mich, während ich auf diesem Bild gearbeitet habe, an und sagte: da ist ein Fehler in deinem Bild. Auf deinem Bild ist ein Bein zu viel abgebildet. Daraufhin erzählte er mir, dass man ihm in der Zwischenzeit ein Bein abgenommen hatte. Ich war geschockt und sagte daraufhin, ob ich es retuschieren sollte. Aber er meinte, ich solle es so lassen, das wäre dann wie ein Zeitdokument. Als ich angefangen hatte zu malen, war sein Bein ja noch dran.

Hast du auch schon mal CD Covers gemalt?

Jens: Ja, schon mehrere. Bei einigen Bildern hätte ich mir auch gewünscht, dass sie auf einem Cover landen. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass berühmte Bands wie Sabaton ihre Star-Grafiker haben. Da kommt man als Quereinsteiger nicht so gut hinein.

Schön war die Geschichte mit Cemican. Die Gruppe brachte aus Mexiko sehr viel Bildhaftigkeit mit. Mayakult zum Beispiel und während ich an dem Bild arbeitete, war in Hamburg eine Maya-Ausstellung – die haben wir uns angesehen. Daraufhin hatten die Veranstalter beschlossen 2020 unter das Motto Maya zu stellen und machten dazu eine großartige Ankündigung am Ende des Festivals 2019. Auch die gesamte Grafik auf der Website wurde im Maya Stil gemacht. Ich denke, dass ich da in bisschen der Schrittmacher war durch meinen Dialog mit der Gruppe Cemican.

Die liefen toll gestylt auf dem Gelände herum, mit Federn und tollem Kopfschmuck. Super sympathische Jungs und da ich spanisch spreche, kam ich mit denen auch sofort ins Gespräch. Und als ich die dann nach dem Festival malte, fühlten Sie sich derartig geehrt und ernst genommen. Sie waren mächtig stolz darauf, dass man auf dem größten Metal Festival der Welt ihre Kultur entdeckt hat. Und die haben dann das Bild auf allen sozialen Medien in ganz Lateinamerika geteilt. Ich hatte noch nie zu einem Bild so viel Resonanz wie durch Cemican. 2018 hatten sie gespielt und 2019 wurden dann Fotos von ihnen auf der Bühne gemacht, weil sie für das neue Generalthema so gut passten.

Ein Metal Künstler aus Venezuela, Jesus Lhysta – Jesus heißt nicht nur Jesus, sondern auch Jens – Er hat schon sehr viele Covers gemacht und schrieb mir, dass das schönste für ihn wäre, einmal in Wacken ausstellen zu dürfen.

Seine Bilder sind sehr düster, aber auch ausgesprochen gut. Und so überließ ich ihm die Hälfte meiner Hängefläche in Wacken. Leider kam es dazu nicht, weil ja 2020 Wacken wegen Corona ausfiel.

Auch solche Dialogsituationen, über die ganze Welt, gibt es eigentlich nur in der Metal Szene.

Da er aber kein Geld hatte, um nach Deutschland zu fliegen, empfahl ich ihm sich an das venezolanische Goethe-Institut zu wenden, da es ein Kulturaustauschabkommen gibt mit Venezuela. Monate lang lief er von Behörde zu Behörde, irgendwann hatte er es geschafft.

Wirkst du auch in anderen Hilfsprojekten, die Wacken so am Laufen hat, mit? 

Jens: Da gibt es teilweise Überschneidungen. Zum Beispiel mit dem Blutspende Projekt. Wir helfen uns auch gegenseitig aus, aber ich habe meine Schwerpunkt Themen – die haben immer mit Krebs zu tun. Wir haben auch die Stände immer nebeneinander und helfen uns auch mit Personal, zum Beispiel wenn jemand ein Konzert hören möchte.

Wie oft gelingt dir denn das?

Jens: Wir sind ja mit der Wacken Foundation meistens in Bühnennähe, das ist ein Glück. Dadurch bekommt man doch ein bisschen etwas mit. Wenn jemand mal weg möchte, um eine Band zu hören, dann unterstützen ihn die anderen. Ich mache mir auch für das Festival keinen Plan, sondern höre mir nur spontan Konzerte an. Ab und zu ist mal jemand dabei, den ich unbedingt hören möchte, aber meistens läuft das spontan ab. Ich lasse mich auch gerne überraschen und lerne gerne neue Bands kennen.

Wie war deine erste Wacken Erfahrung?

Jens: Früher habe ich eigentlich immer mit dem Rücken zur Bühne gearbeitet, wenn ich Skizzen gemacht habe. Da ja die Menge andauernd in Bewegung ist, ist es mit dem Skizzieren ziemlich schwierig. Deswegen fotografiere ich heute. Es stellt sich ja auch keiner hin und posiert 20 Minuten lang. Also hatte ich zunächst die Musik immer im Rücken. Heute stehe ich andersrum. Mich hat das Publikum vom ersten Tag an total fasziniert. Auch diese – mir als Künstler sehr entgegenkommende – Form von Exhibitionismus. Und da es bei der Hitze sehr viele Leute gab, die sehr wenig anhatten, konnte ich ihre Tattoos sehr genau sehen. Und da waren gigantisch gute Tattoos dabei.

Ich bin eigentlich aus gesundheitlichen Gründen kein Tattoo-Freund – es gibt einen Haufen Argumente, die gegen das Tätowieren sprechen. Und es gibt natürlich auch sehr schlechte Tätowierer – denn um so ein Instrument zu bedienen, muss man nicht unbedingt ein guter Zeichner sein. Aber gerade in Wacken habe ich sehr viele unglaublich gute Tattoos gesehen. Diese sind oft sehr versteckt und nicht gleich auf den ersten Blick sichtbar. Aber hier hat man die Gelegenheit sich einfach die Klamotten vom Leib zu reißen, ohne, dass es einem jemand übelnimmt, und da kamen großartige Kunstwerke zutage. Mein Plan ist ein Bild, auf dem Festival Besucher zu sehen sind, die auf der Brust Kupferstiche von Albrecht Dürer haben.

Mich als Maler fasziniert also oft das was ich sehe noch mehr als das was ich höre. Das war ein richtiger Kosmos, der da auf mich ein wirkte, unfassbar viele tolle Eindrücke, manchmal fühlte ich mich fast wie ein Schlachtenmaler. Briten haben immer zu ihren Schlachten Schlachtenmaler mitgeschickt und so ähnlich hatte ich mich gefühlt.

Was ist für dich und deine Arbeit auf dem Wacken Open Air schlimmer: Schlamm oder Hitze?

Jens: Also Schlamm bin ich ja von der Wattolümpiade gewöhnt. Aber mir macht prinzipiell beides nichts aus. Wenn man nach Wacken fährt, weiß man ja, dass man mit dem Wetter klarkommen muss, sonst ist man ja dort fehl am Platz. „Rain or Shine“ habe ich verinnerlicht.

Man hat ja in der Zwischenzeit auch eine richtig tolle Infrastruktur geschaffen, die WCs, die Bier-Pipeline, alles ist eigentlich sehr gut durchdacht.

Die haben ja recht viel Geld in die Hand genommen, und sehr viel investiert in die Infrastruktur und auch in die Infrastruktur für eine funktionierende Inklusion. Abgesehen davon ist so ein Festival unfassbar viel Verantwortung. Und wenn dann sowas wie Corona kommt, ist es natürlich ziemlich tragisch.

Welchen Einfluss hatte denn der Ausfall des Wacken Open Air auf die Region?

Jens: Also für die Leute, die vermieten, ist es natürlich bitter. Vermietet wird ja von Wacken bis nach Sylt. Aber ich denke die Vermieter werden das schon verkraften, wenn sie mal 3 Tage oder eine Woche leer stehen. Ja, die Menschen direkt aus der Region sind natürlich etwas träge und für die ist das Wacken Open Air natürlich das Highlight des Jahres. Um so ein Festival zu organisieren, muss man doch auch in gewisser Weise leidensfähig sein. Denn das Wacken Open Air ist ja international und in allen Medien vertreten.

Headerbild Jens Rusch

Morgen veröffentlichen wir dann den zweiten Teil hier auf Metalogy

Lydia Dr. Polwin-Plass

Promovierte Journalistin und Texterin, spezialisiert auf die Themen Kultur, Wirtschaft, Marketing, Vertrieb, Bildung, Karriere, Arbeitsmarkt, Naturheilkunde und Alternativmedizin. Mehr über Dr. Lydia Polwin-Plass auf ihrer Website: http://www.text-und-journalismus.de