Vernetzt. Gehetzt? Wertgeschätzt! – 70 Jahre Arbeitgeberverband HessenChemie in einer digitalisierten Welt Vernetzt. Gehetzt? Wertgeschätzt! – 70 Jahre Arbeitgeberverband HessenChemie in einer digitalisierten Welt
Dieses Jahr wurde der Arbeitgeberverband HessenChemie 70 Jahre alt. In diesen 70 Jahren hat sich viel verändert. Unsere Welt wurde zunehmend vernetzter und das... Vernetzt. Gehetzt? Wertgeschätzt! – 70 Jahre Arbeitgeberverband HessenChemie in einer digitalisierten Welt

Dieses Jahr wurde der Arbeitgeberverband HessenChemie 70 Jahre alt. In diesen 70 Jahren hat sich viel verändert. Unsere Welt wurde zunehmend vernetzter und das Thema Digitalisierung immer bedeutsamer. Diskussionen um die neuen Anforderungen an Unternehmen und Beschäftigte bestimmen immer häufiger unseren Alltag. Natürlich hat die Digitalisierung auch vor der HessenChemie nicht Halt gemacht. Bei den Wiesbadener Gesprächen 2017 im Kurhaus Wiesbaden war dies Thema der Veranstaltung. Unter dem Motto „Vernetzt. Gehetzt? Wertgeschätzt! – Anforderungen an die Arbeit in der digitalisierten Industrie“ diskutierten Experten aus Wissenschaft, Unternehmen, Gewerkschaft und Verbänden.

Der Arbeitgeberverband HessenChemie hatte gestern zu den nunmehr 12. Wiesbadener Gesprächen zur Sozialpolitik unter dem Titel „Vernetzt. Gehetzt? Wertgeschätzt!“ eingeladen. Thema der diesjährigen Wiesbadener Gespräche war der digitale Wandel und dessen Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Neben einigen interessanten Vorträgen, diskutierten vor den rund 200 Gästen Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften und Unternehmen im Kurhaus der Landeshauptstadt über das spannendeThema. Danach wurde in würdigem Rahmen das 70 jährige Jubiläum des Verbands gefeiert.

Prof. Dr. Heinz-Walter Große, der Vorstandsvorsitzende der HessenChemie; Foto: Lydia Polwin-Plass

Prof. Dr. Heinz-Walter Große, Vorstandsvorsitzender HessenChemie

Die Vorträge 

Prof. Dr. Jan Leimeister, der Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsinformatik der Universitäten St. Gallen und Kassel, Foto: Lydia Polwin-Plass

Prof. Dr. Jan Leimeister, Universitäten St. Gallen und Kassel

Der erste Redner des Tages, Prof. Dr. Heinz-Walter Große, der Vorstandsvorsitzende der HessenChemie. Große betonte, dass Digitalisierung kein kurzfristiger Trend sei, sondern ein Prozess kontinuierlicher Weiterentwicklung in allen Unternehmensbereichen. Digitale Innovationen und neue Geschäftsmodelle könnten dabei den Standort und die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken. „Der technologische Fortschritt bietet auch neue Chancen für gute Arbeitsplätze. Hier müssen wir gemeinsam mit dem Sozialpartner immer wieder passende Lösungen finden und die richtigen Rahmenbedingungen setzen,“ so der Vorstandsvorsitzende. Dr. Große schloss seine Rede mit den Worten von Aristoteles: „wir können nicht den Wind ändern aber wir können die Segel in die richtige Richtung ausrichten.“

Hauptgeschäftsführer HessenChemie, Dirk Meyer

Hauptgeschäftsführer HessenChemie, Dirk Meyer

Nach Dr. Große sprach Prof. Dr. Jan Leimeister, der Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsinformatik der Universitäten St. Gallen und Kassel. Er begeisterte das Publikum mit aktuellen Trends und Tatsachen zum Thema „Digitale Transformation, digitale Arbeit und die Herausforderungen für Management und Belegschaft.“ Leimester betonte, dass neue Arbeitsmethoden wie etwa Crowd Sourcing heute an der Tagesordnung seien. Smarte Produkte, Automatisierung und User Experience wären wichtige Schlagworte mit denen sich Unternehmen heute auseinandersetzen müssten.

Aktuelle Studienergebnisse

Um die Wichtigkeit der Digitalisierung in der Branche hervorzuheben, stellte Dr. Hans-Peter Klös, Geschäftsführer IW Köln die Ergebnisse einer brandaktuellen Branchenstudie zur Digitalisierung in der chemischen Industrie vor. Für die Studie beauftragte der Arbeitgeberverband HessenChemie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) mit einer Befragung seiner Mitgliedsunternehmen. Das erstaunliche Ergebnis: Bereits 88 Prozent der befragten Unternehmen befassen sich mit Themen rund um die Digitalisierung – über ein Drittel tun dies sogar intensiv. Die Studie zeigt, dass das Thema inzwischen auch bei den Mitgliedsunternehmen an Bedeutung gewonnen hat. Ungefähr 90 Prozent der befragten Unternehmen erachten das Thema als wichtig für ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Hauptgeschäftsführer der HessenChemie, Dirk Meyer, Foto: Lydia Polwin-Plass

Hauptgeschäftsführer HessenChemie, Dirk Meyer

Für 92 Prozent der Befragten sind typische Merkmale eines digitalisierten Unternehmens eine flexible, rasche und zuverlässige Verfügbarkeit von Produkten und Dienstleistungen für ihre Kunden. Beinahe ebenso wichtig ist eine gute Vernetzung mit Lieferanten und Kunden – und für rund 70 Prozent auch individualisierte Produkte. Als „typische“ Digitalisierungstreiber gelten die Bereiche Personal und Logistik. Vor allem für diese Bereiche können durch die Digitalisierung viele Arbeitsprozesse erleichtert werden. Etwa durch eine effiziente Vernetzung der Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette, eine digitale Echtzeit-Kommunikation mit den Kunden und einer daraus resultierenden Just-in-time Zulieferung.

Volker Weber, Landesbezirksleiter IG BCE Hessen-Thüringen

Volker Weber, Landesbezirksleiter IG BCE Hessen-Thüringen

Sowohl die Führungskräfte als auch die Arbeitnehmer nehmen im Digitalisierungsprozess eine wichtige Rolle ein. Ihre Kompetenzen haben sich jedoch stark verändert. Trotz des digitalen Fortschritts, benötigt die chemisch-pharmazeutische Industrie in Hessen auch zukünftig qualifizierte Fachkräfte wobei sich vermutlich die Kompetenzanforderungen noch weiter verändern werden. Die Ausgangslage für die Branche sei allerdings gut, erklärte Klös, denn die befragten Unternehmen verfügen über hoch qualifiziertes Personal. „Das Engagement der befragten hessischen Unternehmen bei Personalentwicklungs- und Qualifizierungsmaßnahmen ist bereits heute größer als in der Gesamtwirtschaft„, so Dr. Klös.

Prof. Dr. Friedrich Huber Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Prof. Dr. Friedrich Huber Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Hauptgeschäftsführer der HessenChemie, Dirk Meyer erläuterte in seinem Vortrag die befragten Unternehmen erhofften sich in erster Linie eine Flexibilisierung der Arbeitsprozesse. Umsetzbar wäre dies aber nur durch eine Einbeziehung der gesamten Belegschaft. Da die Arbeit zunehmend unabhängig von Ort und Zeit organisiert werden kann, bestehe eine große Veränderungsbereitschaft. Auch die Führungskräfte müssten umdenken und sich von Anweisern und Kontrolleuren zu Motivatoren und Coaches für ihre Mitarbeiter entwickeln. Zwei Drittel der befragten Mitgliedsunternehmen sehen laut Studie die Führungskräfte als Impulsgeber für neue Ideen. Vor allem sollte man hierbei bedenken, dass der Digitalisierungsprozess mit immer älteren Belegschaften organisiert werden müsse. „Ungefähr die Hälfte der Unternehmen setzt dabei erfolgreich auf das Potenzial altersgemischter Teams,“ so Meyer. „Das hohe Qualifikationsniveau der innovationsgetriebenen Chemieindustrie ist eine gute Voraussetzung für die Digitalisierung der Unternehmen. Routinetätigkeiten würden allerdings unter Veränderungsdruck geraten,“ betont Meyer. Das Berufsbild in der Chemiebranche werde deshalb aktuell untersucht, um es effektiv weiterentwickeln zu können. „Ich bin optimistisch, dass die Digitalisierung den Standort durch Innovationen und neue Geschäftsmodelle stärken wird. In einer flexibleren Arbeitswelt können wir die Wünsche der Beschäftigten besser mit den Bedürfnissen der unternehmen vereinbaren,“ so Meyer.

Dr. Bettina Wolf, Geschäftsführerin Bundesagentur für Arbeit Hessen

Die Podiumsdiskussion

Im zweiten Teil der Veranstaltung nach einer kurzen Kaffeepause fand dann eine Podiumsdiskussion statt. Im Rahmen des Gespräches freute sich Dr. Bettina Wolf, Geschäftsführerin operativ der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit über aktuell 55000 offene Stellen. Um diese

Hauptgeschäftsführer der HessenChemie, Dirk Meyer

Hauptgeschäftsführer HessenChemie, Dirk Meyer

zu besetzen schlug sie unter anderem vor Arbeitnehmer über 35 weiterzubilden. Vereinbarkeit zwischen Familie und Arbeit sei ihrer Meinung nach nur eine Farce, da Arbeitnehmer einen Spagat machen müssten um diesen dafür nötigen Anforderungen gerecht zu werden.

Matthias Schirrmacher, Program Lead Industry 4.0 / Digitalization-Merck Darmstadt goes digital, betonte, dass auch im Zeitalter der Digitalisierung der Mensch immer noch im Mittelpunkt stehe: „Im Focus der Digitalisierung steht immer noch der Mensch,“  so Schirrmacher. Durch die vielen freien Arbeitsplätze bestehe zwar eine bessere Ausgangsposition für Arbeitnehmer aber da es sich um ein „Geben und Nehmen“ handle, könne man von ihnen auch bessere Leistungen abrufen. Eine Umfrage hätte ergeben, dass auch großes technisches Interesse seitens der Mitarbeiter bestehe.

Dr. Emmanuel Siregar, Geschäftsführer Personal und Organisation Sanogi-Aventis Deutschland GmbH, erzählte vom Einsatz neuer Personalsysteme für eine bessere Personalverfügbarkeit bei Aventis. Durch diese könne Aventis in aller Welt zu jeder Zeit neue Stellen mit Fachkräften besetzen.

Volker Weber, Landesbezirksleiter IG BCE Hessen-Thüringen meinte, dass das Thema Work Life Balance realitätsfremd sei und kaum erreichbar wäre. Dies führe zu psychischen Belastungen bei Arbeitnehmern. Er betonte auch, dass das Thema Digitalisierung überdramatisiert und stark durch die Medien beeinflusst werde. Die Gewerkschaften hätten darauf wenig Einfluss. „Digitalisierung schafft neue Transparenz,“ so Weber.

Hauptgeschäftsführer der HessenChemie, Dirk Meyer, empfiehlt die Diskussion über Digitalisierung nicht zu überwerten, das Thema aber dennoch wichtig zu nehmen. Die richtige Dosis sei

Slam Poet und Autor Bleu Broode, Foto: Lydia Polwin-Plass

Slam Poet und Autor Bleu Broode

hier von großer Bedeutung. „Durchsetzen wird sich, was zu Kundennutzen führt, Neuerungen die die Qualität steigern und die Arbeitsprozesse optimieren,“ so Meyer.

Der IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös Merck-Konzern erzählte, dass bei Merck alle Datenbestände zentralisiert wurden. So können durch Datenanalysen strategische Personalentscheidungen vorbereitet, abgesichert und bewertet werden. Und das weltweit und zu jeder Zeit. „Die Aufgaben eines Datenanalysten werden im Personalbereich spürbar an Bedeutung gewinnen“, so Klös.

Die abschließenden Worte des Tages richtet Prof. Dr. Friedrich Huber Esser, Präsident des Bundesinstituts für

Slam Poet und Autor Bleu Broode, Foto: Lydia Polwin-Plass

Slam Poet und Autor Bleu Broode

Berufsbildung (BIBB) an das Publikum. Sein Thema: „Schöne neue Welt“ – Berufsbildung in Zeiten der Digitalisierung.

Rahmenprogramm und 70 Jahrfeier

Aufgelockert und abrundet wurde das Programm vom Slam Poeten und Autor Bleu Broode, der das Thema witzig-spritzig poetisch aufbereitet hatte und wortgewaltig in atemberaubender Geschwindigkeit darbrachte.

Im Anschluss an die Wiesbadener Gespräche lud die HessenChemie zu einem Empfang in den Wintergarten des Kurhauses anlässlich ihres 70-jährigen Bestehens. 

Text: Lydia Polwin-Plass 

Lydia Dr. Polwin-Plass

Promovierte Journalistin und Texterin, spezialisiert auf die Themen Kultur, Wirtschaft, Marketing, Vertrieb, Bildung, Karriere, Arbeitsmarkt, Naturheilkunde und Alternativmedizin. Mehr über Dr. Lydia Polwin-Plass auf ihrer Website: http://www.text-und-journalismus.de