Rezension zu „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“ von Moritz Grütz Rezension zu „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“ von Moritz Grütz
Wie steht es mit dem Metal außerhalb Europas? Musikjournalist Moritz Grütz hat die entlegensten Ecken der Weltkarte durchsucht und in 34 Interviews nachgefragt, wie... Rezension zu „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“ von Moritz Grütz

Wie steht es mit dem Metal außerhalb Europas? Musikjournalist Moritz Grütz hat die entlegensten Ecken der Weltkarte durchsucht und in 34 Interviews nachgefragt, wie es so ist in Ländern, in denen es einfach zu wenig Bevölkerung für ein Konzert gibt – und in denen, dich ein Foto, auf dem du die „Pommesgabel“ genannte Handgeste machst, ins Gefängnis bringen kann?

In Europa oder den USA ist der Metal aufgeblüht, weil ihm die Freiheit dazu gelassen wurde. Musik kann sich nur so weit verbreiten, wie es die direkte Umgebung zulässt“, liest man von Nolan Lewis der Band Kryptos. Das fasst das Thema der Interviewsammlung eigentlich ganz gut zusammen.

Mit seinem Buch „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“ ist Moritz Grütz, dem Chefredakteur von Metal1.info, ein Werk gelungen, dessen Idee genauso simpel ist, wie sie auch genial ist. Metalbands aus Grönland, Afghanistan, Tasmanien oder Madagaskar stehen Grütz Rede und Antwort in durchweg interessanten Fragen. Wie das zum Beispiel mit der Musik und Meinungsfreiheit ist, wie es um Frauen im Genre steht, oder wie man ausgerechnet auf Kuba darauf kommt, Black Metal zu machen.

Die Antworten auf die Fragen sind teils sehr unterschiedlich, teils ähnlich. Ob man sein kulturelles Musikerbe in seine Band einfließen lässt, ist zum Beispiel so ein Streitpunkt. Einige finden ihre Musikfolkore toll, zum Beispiel Dumisani Mathia der Band Metal Orizon aus Botswana, der den Musikstil seiner Band „Afro Tribal Metal“ nennt. Andere finden die Volksmusik ganz furchtbar oder wissen nicht, was die (Musik)Kultur des Landes überhaupt sein soll.

Fast alle sind sich aber einig, dass Metal eine männerdominierte Szene ist, dass es aber gerne auch mehr Frauen geben darf, die aber wohl im Schnitt die softere Musik bevorzugen, so die fälschliche Vermutung. Die Mexikanerin Salai Ereshkigal von Eidyllion und Benatnash ist offenbar die einzige Frau, die zu Worte kommt, auch ihr Interview liest sich sympathisch und emanzipiert.Metallisierte Welt - Auf den Spuren einer Subkultur

Unterschiede gibt es in den Ländern auch bezüglich der Beliebtheit von Konzerten. Auf Grönland etwa, sagt Juuna Zethsen von den Arctic Spirits, ist es schwierig, vernünftige Aufnahmestudios zu finden – es hört einfach kaum jemand Hardrock oder Metal. Vielleicht nicht mal, weil diese Genres dort explizit unbeliebt sind, sondern einfach, weil ohnehin kaum jemand in Grönland wohnt – im ganzen Land leben nur 56.000 Menschen.

Und weil man in Bangladesch nur schwer bis gar nicht an Alkohol kommt, sagt die Thrashband Exalter, kiffen die Leute auf den Konzerten, statt zu trinken. Auch gut. Über die eine oder andere Band mag der Leser schon einmal gestolpert sein, vielleicht über Blaakyum aus dem Libanon oder Kryptos aus Indien. Das Interview mit Nolan Lewis ist relativ lang, es stehen einige sehr schöne Sachen drin. „Metal ist die einzige Musikrichtung, die ich kennengelernt habe, die jede einzelne Emotion, die wir empfinden können, berühren kann.“, sagt der Sänger und Gitarrist. Möglicherweise ist das so, nicht nur für ihn, sondern für ganz viele, vielleicht erfreut sich unter anderem deswegen der Metal so einer globalen Beliebtheit, wenn er auch vor allem in Europa und den USA sprießt. Wobei das, wie aus dem ganzen Buch deutlich werden kann, einfach an den finanziellen, ökonomischen und kulturell freiheitlichen Vorteilen dieser Kontinente bzw. dieses Landes liegt.

Die Devil Horns, Pommesgabel, Mano Cornuta oder wie auch immer ihr ‚unsere‘ Geste nennen wollt, ist stets positiv bewertet, da fallen Worte wie Zusammengehörigkeit, Metal-Lifestyle und Respekt. Rebellion auch. Die Stichworte Rebellion, Protest und Metal liest man relativ oft. Metal als Ausdruck der Rebellion scheint ein zentrales Thema zu sein in Ländern, wo Kunstinhalte gerne mal kontrolliert oder zensiert werden. Hier kommt auch kaum jemand zu Konzerten, aber nicht, weil die Bevölkerungsdichte so niedrig ist, sondern weil dem Genre immer noch das Satanistenstigma anhaftet. Da will man natürlich nicht mit in Verbindung gebracht werden, vor allem, wenn es nicht nur um vergleichsweise kleine Lappalien geht, wie etwa darum, in Läden nicht bedient zu werden. Sondern wenn es darum geht, dass Familienmitglieder angegriffen und Musiker ins Gefängnis gebracht, wenn nicht sogar wegen Blasphemie zu Tode verurteilt werden.

Wo Künstler um ihr Leben fürchten

Die am betroffensten machenden Interviews sind zum Beispiel die aus Afghanistan, dem Iran oder Saudi-Arabien. Besonders der Iran-Teil macht nachdenklich, gleich drei Bands kommen hier zu Wort, der erste Beitrag der Band Avesta ist vielleicht der aussagekräftigste im ganzen Buch. Denn Avesta schicken eine Absage, in denen sie nicht einmal konkret sagen können, wieso sie nicht antworten können, aber man kann es sich denken, man fühlt es. Eine andere iranische Band hat sich getraut, zu antworten, aber auch ihr Bild ist sehr düster. „Ein weiser Mann“, schreibt Lord Aras, der sich nicht mit Klarnamen abdrucken lassen will, „hat mir einmal gesagt, dass du im Iran nicht erkennst, was deine Kunst wert ist, bis du dafür gehenkt oder eingesperrt wirst.“. Wenn eine Band dann nicht nur ’systemfeindlich‘, sondern angeblich sogar ’satanistisch‘ ist, kann das noch viel schlimmer werden, im Iran gibt es noch die Todesstrafe. Noch interessanter ist der Vergleich mit dem dritten Iran-Interview, mit Arsames, die sagen, einiges ist zwar schwierig, aber so schlimm sei es nicht, man könnte auch Bandshirts tragen, ohne dafür Ärger zu bekommen. Arsames singen über antike Kultur und Mythologie, nicht über Politik. Vielleicht ist das der Knackpunkt, das muss der Leser selber wissen.

Auf jeden Fall ist die Auswahl der drei Antworten aus dem Iran ein Glanzstück des Autors, sie sind interessant, teilweise sehr berührend, und vor allem als Trio entfalten sie ihre Wirkung. Die Nachricht besteht hier vor allem im Vergleich des Lesers. Insgesamt zeichnet das Buch ein Bild von den vielen Faktoren, die die Entwicklung einer Subkultur bestimmen können, wie der Vernetzung, wortwörtlich wie im übertragenem Sinne. Durch das Internet kann jeder die Musik überall hinschicken, aber vielleicht werden deswegen auch weniger CDs gekauft und die lokale Szene übersehen? Und wie soll man mal eben touren, wenn man auf den Faröer Inseln oder Tasmanien wohnt? Geht die traditionelle Landesmusik mit Metal zusammen? Wie soll man aufnehmen, wenn man sich kein Tonstudio leisten kann – oder wenn es gar keins gibt? Wie ist das, wenn andere Bands über Krieg singen, aber man ihn selber jeden Tag erlebt oder erlebt hat? Und vor allem: wie ist das mit Metal, Kultur und Religion?

Fazit: „Metallisierte Welt“ ist ein lesenswertes Werk, eine abgesehen vom Vor- und Nachwort unkommentierte Interviewsammlung, toll zu lesen mit interessanten Fragen und manchmal noch interessanteren Antworten. Bands, vor allem aus den Bereichen Thrash, Death und Black, aus etwa 30 Ländern geben Antworten auf Fragen nach Inspiration, Vor- und Nachteile ihrer geografischen Lage, was Metal bedeutet und vor allem, wie Metal zu ihrer Gesellschaft und Kultur passt, oder wieso er es nicht tut. Die Meinungen über die geliebte Musikrichtung gehen manchmal auseinander, aber sind sich weitgehend einig in der Sache, dass Metal Freiheit und Weltgemeinde zugleich ist, doch in vielen Ländern als satanistisch und antikulturell gilt. Vor allem in diesen Ländern ist Metal oft (nicht immer) eines – ein Zeichen des Protests. Unbedingt lesen!

Rezension Clara C. Wanning

Moritz Grütz: „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“, Berlin, Hirnkost Verlag 2017, 1. Auflage Januar 2018.

ISBN (print): 978-3-945398-69-2

ISBN (pdf): 978-3-945398-70-8

ISBN (epub): 978-3-945398-71-5

 

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Lydia Dr. Polwin-Plass

Promovierte Journalistin und Texterin, spezialisiert auf die Themen Kultur, Wirtschaft, Marketing, Vertrieb, Bildung, Karriere, Arbeitsmarkt, Naturheilkunde und Alternativmedizin. Mehr über Dr. Lydia Polwin-Plass auf ihrer Website: http://www.text-und-journalismus.de