Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomüll Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomüll
Qualitätsprodukte aus Abfall aus der Lebensmittelproduktion. Geht das? Wissenschaftler der Universität Hohenheim gewinnen Basis-Chemikalien für Chemie-Industrie aus der Wurzelrübe des Chicorée Rund 800.000 Tonnen... Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomüll

Qualitätsprodukte aus Abfall aus der Lebensmittelproduktion. Geht das? Wissenschaftler der Universität Hohenheim gewinnen Basis-Chemikalien für Chemie-Industrie aus der Wurzelrübe des Chicorée

Rund 800.000 Tonnen an Chicorée-Wurzelrüben fallen jährlich europaweit bei der Produktion von Chicorée-Salat als Abfallprodukt an. Die Wurzelrüben werden bisher nach der Ernte des Chicorée-Salats auf der Kompostierungsanlage oder in der Biogasanlage entsorgt. Viel zu schade, so die Ansicht zweier Forscherinnen der Universität Hohenheim. Denn aus diesen Wurzelrüben lässt sich  (HMF) gewinnen, einer der Basisstoffe in der Kunststoffindustrie von morgen.

Ein fensterloser Raum auf der Versuchsstation des Hohenheimer Universitätsgeländes. An den Wänden stehen Regal-Türme mit 3 Etagen voll Wannen, ausgekleidet mit Teichfolie. Darin stehen in Kunststoffkörben aufrecht die 15-20 cm langen Wurzelrüben, aus denen verkaufsfähige Chicorée-Salatknospe innerhalb von 3 Wochen wachsen.

Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomuell

Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomuell

Eine Aquarium-Pumpe umspült die Pflanzen mit einer Nährlösung. Es ist dunkel, damit die Salatblätter in einem gelben Pastellton bleiben und keine der Chicorée-typischen Bitterstoffe bilden, die den Geschmack beeinträchtigen könnten.

Ähnlich wie in dieser Versuchsanlage, nur um ein Vielfaches größer,  sieht es bei der kommerziellen Produktion von Chicorée-Salat in so genannten Wasser-Treibereien aus.

Die zweijährige Chicorée-Pflanze verbringt nur die ersten fünf Monate auf dem Acker. Mitte Oktober werden die Blätter abgemulcht, die Wurzelrüben geerntet, kühl gelagert und dann in die Treibräume  gebracht. Erst dort treiben neue Blattknospen aus, die dann als Chicorée-Salat genutzt werden.

Doch anders als in der Lebensmittelproduktion interessiert sich die Universität Hohenheim vor allem für den nicht-essbaren Rübenanteil. „Die Wurzelrübe macht ca. 30 % der Pflanze aus. Die eingelagerten Reservekohlenhydrate werden für die Bildung der Salatknospen nicht vollständig aufgebraucht, so dass wertvolle Reservestoffe verbleiben. Die Wurzelrüben können jedoch nur einmal für die Chicorée-Treiberei genutzt werden, fallen nach der Knospenernte als Abfallstoff an und müssen entsorgt werden.“, so Agrarbiologin Dr. Judit Pfenning.

 Nylon, Polyester, Perlon und Kunststoffflaschen – Alles kein Problem

Wie wertvoll diese Wurzelrübe tatsächlich ist, zeigt Prof. Dr. Andrea Kruse wenige Schritte entfernt in einem Labor des Instituts für Agrartechnik. Im Hintergrund stehen Bleistift-große Rohrreaktoren aus Edelstahl, die mit Häckseln der Chicorée-Wurzelrübe und Wasser befüllt werden.

Die ultrastabilen Druckbehälter werden mit verdünnter Säure versetzt und bis zu 200 Grad erhitzt. Das wässrige Produkt wird anschließend in weiteren Schritten aufbereitet. Dies Schritte unterliegen der Geheimhaltung.

Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Chicoree

Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Chicoree

Am Ende erhält der wissenschaftlicher Mitarbeiter Dominik Wüst ein gelb bis braun gefärbtes kristallines Pulver. Dabei handelt es sich um ungereinigtes Hydroxymethylfurfural (HMF). Es ist eine von 12 Basischemikalien, die zukünftig in der Kunststoffindustrie verwendet werden. Es dient als Ausgangsstoff für Nylon, Perlon, Polyester oder die sogenannten PEF-Flaschen als Pendant zu den bekannten PET-Flaschen. Der Wert im Chemikalien-Großhandel liegt aktuell bei 2000 Euro das Kilo.

 HMF aus Chicorée – ein Teil der Bioökonomie

Bisher wurden solche Chemikalien aus Erdöl gewonnen. Wie sie sich nachhaltig produzieren lassen, ist eine Fragestellung der Bioökonomie. Denn diese setzt auf Energie und Rohstoffe aus Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen statt weiterhin auf fossile Rohstoffe.

In einem früheren Forschungsprojekt gelang es Prof. Dr. Kruse bereits, die Basischemikalie HMF aus Fruchtzucker – sog. Fructose – zu gewinnen. Die Gewinnung aus Chicorée-Wurzelrüben findet sie eleganter. Denn: „Fructose ist essbar. Es gibt bessere Verwendungszwecke als HMF daraus zu gewinnen.“ Anders die Chicorée-Wurzelrübe. „Sie ist bislang nur ein Abfallprodukt.“

 

Lagerung und Qualität der Wurzelrüben – Die Herausforderung 

Eine Herausforderung bei diesem Projekt: „Nur wenn wir es schaffen, eine gleichbleibende Qualität zu gewährleisten, ist die Wurzel für die Industrie interessant“, erklärt Prof. Dr. Kruse.

Deshalb kooperiert die technische Chemikerin mit der Pflanzenwissenschaftlerin Dr. Judit Pfenning vom Fachgebiet Allgemeiner Pflanzenbau. Dazu Dr. Pfenning „Die Voraussetzungen sind an sich gut, auch der Verbraucher, der Chicorée essen will, stellt hohe und einheitliche Qualitätsansprüche an die Chicorée-Salatknospen. Deshalb gelangen nur vergleichsweise einheitliche, höherwertige Wurzelrüben vom Acker in die kommerzielle Wasser-Treiberei.“

Die Frage ist nur: Wie lassen sich die Wurzelrüben lagern, ohne dass sie an Qualität verlieren. Denn die Chicorée-Produktion ist ein Saisongeschäft. Die Zulieferer der chemischen Industrie wünschen sich aber eine gleichbleibende Lieferung, um ihre Anlagen kontinuierlich auszulasten.

Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomuell

Nylonstrümpfe und Plastikflaschen aus Biomuell

Es ist ein Projekt, das sich nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit umsetzen lässt“, betonen die Wissenschaftlerinnen. Zum einen die Qualitätskontrollen, Anbau- und Lagerungsversuche im Pflanzenbau, zum anderen die Laborexperimente in der Konversionstechnologie. 

HMF aus Chicorée-Wurzelrüben ist hochwertiger als die Chemikalie aus Erdöl

Ein weiterer Aspekt macht das Projekt noch interessanter „Die Chicorée-Wurzelrübe eignet sich nicht nur deshalb so gut zur Gewinnung von HMF, weil sie ein Abfallprodukt ist“, betont Prof. Dr. Kruse. „Sie produziert auch eine höherwertige Chemikalie als das Äquivalent aus Erdöl.“

Dadurch könnten PEF-Flaschen aus Chicorée-HMF dünner gezogen werden, als die Flaschen aus Erdöl-PET. Das spart Transportkosten und verbessert die Umweltbilanz noch weiter.

Ein Teil des Aufkommens an Chicorée-Wurzelrüben wird heute verwendet, um daraus Biogas zu erzeugen. Doch diese Verwendung sei ökonomisch gesehen unterlegen: „Aus ca. 220.000 Wurzelrüben pro Hektar können theoretisch 8,14 Tonnen Inulin gewonnen werden. Das kann nach aktuellem Forschungsstand zu 2,87 Tonnen HMF umgewandelt werden. Über den Verkauf dieser Menge können ca. 5,74 Millionen Euro erzielt werden. Strom aus Biogas dieser Menge Wurzelrüben würde nach EEG jedoch nur rund 21.000 Euro generieren.“

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Dr. Lydia Polwin-Plass

Promovierte Journalistin und Texterin, spezialisiert auf die Themen Kultur, Wirtschaft, Marketing, Vertrieb, Bildung, Karriere, Arbeitsmarkt, Naturheilkunde und Alternativmedizin. Mehr über Dr. Lydia Polwin-Plass auf ihrer Website: http://www.text-und-journalismus.de