Aktuelle Ausgrabungen bringen neue Fakten über die europäische Kolonisierung Asiens Aktuelle Ausgrabungen bringen neue Fakten über die europäische Kolonisierung Asiens
Die Südsee-Erkundungen James Cooks im 18. Jahrhundert waren in die Geschichte eingegangen obwohl ihnen spanische Entdeckungsreisen vorausgingen. Es ist bekannt, dass die Spanier, angefangen... Aktuelle Ausgrabungen bringen neue Fakten über die europäische Kolonisierung Asiens

Die Südsee-Erkundungen James Cooks im 18. Jahrhundert waren in die Geschichte eingegangen obwohl ihnen spanische Entdeckungsreisen vorausgingen. Es ist bekannt, dass die Spanier, angefangen mit Ferdinand Magellan im Jahre 1521, den pazifischen Raum bereits im 16. und 17. Jahrhundert erkundeten. Doch bisher hatten Forscher dieser Tatsache nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aktuelle Ausgrabungen in Taiwan belegen, dass die Region bereits im frühen 17. Jahrhundert Zentrum früher Globalisierung war. 

Anthropologische, historische und archäologische Erkenntnisse über die Periode erster Globalisierung im pazifischen Raum haben bisher weitgehend gefehlt. Archäologische Ausgrabungen in einer Siedlung im Norden Taiwans, die unter Leitung von María Cruz Berrocal, Research Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz, unternommen wurden, können nun diese Forschungslücke möglicherweise schließen. Sie eröffnen eine neue Sicht auf die Kolonisierung der pazifischen Region.

In der kleinen spanischen Kolonie von San Salvador de Isla Hermosa lief es „global“ ab

Eine Ansiedlung auf der kleinen Insel Heping Dao, die zu der Stadt Keelung im Norden Taiwans gehört, war Gegenstand der Untersuchung. Bereits seit 2011 wurden dort Grabungen durchgeführt, die reiche archäologische Funde zutage förderten. Sie dokumentieren die Geschichte der Besiedlung der Insel. Danach spielte spielte die Region seit der Frühgeschichte eine besondere Rolle in der Geschichte Taiwans und war auch in der Zeit der Kolonialisierung durch die Europäer von Bedeutung. San Salvador de Isla Hermosa wurde 1626 als spanische Kolonie auf Heping Dao gegründet und später von den Niederländern erobert. Es folgte die Annexion durch die Chinesen und die japanische Besetzung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Pressefoto: Ausgrabung-Uni-Konstanz

Pressefoto: Ausgrabung-Uni-Konstanz

Die untersuchte Ansiedlung von 1624 bis 1642 wurde von Spaniern bewohnt. Die Grabungen der internationalen Wissenschaftlergruppe unter der Leitung von María Cruz Berrocal belegten dies wesentlich eindeutiger, als zuvor angenommen wurde. Die Archäologen legten bei den Grabungen die Fundamente einer Kirche oder einem christlichen Konvent frei und entdeckten auch den dazugehörigen Friedhof.  „Die Funde zeigen, dass diese Kolonie keine marginale Rolle spielte. Taiwan war ein Knotenpunkt in den Handelsbeziehungen des Pazifikraums und damit auch Zentrum vielfältiger Kontakte“, erläutert María Cruz Berrocal.

Ein Skelett verrät Ungeahntes

Die letzte Grabung fand von September bis November 2016 statt. Hierbei wurden sechs Erdbestattungen und andere menschliche Überreste im Bereich der Kirche freigelegt. Im November 2016 fanden die Archäologen ein Skelett mit zum Gebet gefalteten Händen. „Es gibt keine europäischen Bestattungen im gesamten asiatisch-pazifischen Raum aus dieser Zeit, das hier sind die ersten dokumentierten Überreste. Auch die koloniale Begräbnisstätte, die wir gefunden haben, ist die älteste, die in dieser Region ausgegraben wurde“, bestätigt María Cruz Berrocal.

Pressefoto: Ausgrabung-Uni-Konstanz

Pressefoto: Ausgrabung-Uni-Konstanz

Wesentliche biographische Informationen wie geografische Herkunft, Ernährung oder Krankheitsgeschichte der Verstorbenen können durch Isotopenanalyse von Zähnen und Auswertung der Rückstände von Pflanzenmaterial in den Zähnen und durch die Untersuchung der erhaltenen DNA von Krankheitserregern gewonnen werden. Die Analyse der Knochen und insbesondere der Zähne gibt ein facettenreiches Bild ab.Zudem liefern Pflanzenreste eine Fülle von Informationen, da diese von Europäern in den Pazifischen Raum eingeführt wurden.  

Nach aktuellem Stand der Untersuchungen handelte es sich bei den sterblichen Überresten um Menschen europäischer, asiatischer oder afrikanischer Abstammung. Da diese Menschen mit der einheimischen Bevölkerung auf Heping Dao zusammenlebten, ist es wichtig, dort weiter zu forschen, um die Auswirkungen von europäischer Kolonialisierung auf diese Bewohner zu erfassen. Weitere Analysen werden das Bild der frühen Geschichte dieser Region verfeinern. „Die Ergebnisse zeigen, dass wir es hier mit einem der frühen Knotenpunkte der Globalisierung zu tun haben. Die im spanischen Stil erbaute Kirche zeugt davon, dass die Gründung dieser Kolonie für die spanische Krone so bedeutsam war wie andere Koloniegründungen auch, zum Beispiel in Amerika. Allerdings scheiterte letztlich der Versuch, nachhaltig im Pazifikraum Fuß zu fassen. Daher hat die Geschichtsschreibung im Nachhinein angenommen, dass Taiwan nur eine marginale Rolle spielte. Das ist jedoch nicht der Fall“, erklärt María Cruz Berrocal abschließend.

Infos zu den beiden Ausgrabungsfotos: Im November 2016 wurde ein Skelett mit zum Beten gefalteten Händen freigelegt – die erste Dokumentation einer europäischen Begräbnisstätte aus dem 17. Jahrhundert im asiatisch-pazifischen Raum.

Faktenübersicht:

Die Isotopenanalysen wurden durch Dr. Estelle Herrscher vom CNRS in Frankreich durchgeführt und die botanische Auswertung von Dr. Alexandre Chevalier vorgenommen. Professor Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena untersucht neben der Human-DNA auch die DNA von Krankheitserregern wie Bakterien und Viren.
Die Grabungen unter Leitung von María Cruz Berrocal wurden zunächst unter Federführung der Consejo Superior de Investigaciones Cientificas (CSIC, Spanien) und der National Science Council of Taiwan durchgeführt. Seit 2013 kooperieren die Universität Konstanz sowie die Academia Sinica (Taiwan) wissenschaftlich.
Prof. Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena untersucht neben der Human- DNA auch die DNA von Krankheitserregern wie Bakterien und Viren. Die Isotopenanalysen werden durch Dr. Estelle Herrscher vom CNRS in Frankreich durchgeführt und die botanische Auswertung wird von Dr. Alexandre Chevalier vorgenommen, Königliches Belgisches Institut für Naturwissenschaften.

Originalpublikation:
Cruz Berrocal, M. and Tsang, Ch. (eds.) 2017 Historical archaeology of the Early Modern Colonialism in Asia Pacific. Vol. I. The Southwest Pacific and Oceanian regions. Vol. II. The Asia-Pacific region. University Press of Florida, Gainesville.

Text: Lydia Polwin-Plass (basierend auf der PM der Uni Konstanz)

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Lydia Dr. Polwin-Plass

Promovierte Journalistin und Texterin, spezialisiert auf die Themen Kultur, Wirtschaft, Marketing, Vertrieb, Bildung, Karriere, Arbeitsmarkt, Naturheilkunde und Alternativmedizin. Mehr über Dr. Lydia Polwin-Plass auf ihrer Website: http://www.text-und-journalismus.de